The Willed Hand

1916 · Kinetic Arm Prosthesis · Werk 1044 von 1.871

The oak-panelled plenary hall of a parliament building in Berlin on a February morning, grey winter light through a glass ceiling, at the front a plain unmarked oak speaker's table, beside it an artificial forearm upright on a wooden stand, a carved hand of pale wood with jointed fingers, a glossy red-brown wooden shaft, a brown leather sleeve, at the table the man, a slim man of forty, moustache, pince-nez, receding dark hair, in a black frock coat and white wing collar, one hand raised toward the wooden fingers, physicians in dark frock coats on the benches seen from directly behind.

Wer
Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) war der bekannteste deutsche Chirurg der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Geboren am 3. Juli 1875 in Barmen, heute Wuppertal, studierte er Medizin in Marburg, Jena und Leipzig und kam im Oktober 1903 an die Chirurgische Universitätsklinik in Breslau zu Johannes von Mikulicz-Radecki. Dort gelangen ihm 1904 mit einer eigens gebauten Unterdruckkammer erstmals größere Operationen am offenen Brustkorb, ohne dass die Lunge zusammenfiel. Über Greifswald und Marburg ging er 1910 nach Zürich, 1918 nach München und 1927 an die Berliner Charité, deren Chirurgische Klinik er bis 1949 leitete. Er trat nie in die NSDAP ein, war kein Antisemit und half seinem Stellvertreter Rudolf Nissen ins Exil. Zugleich begrüßte er 1933 öffentlich Hitlers Machtübernahme, wurde 1934 Staatsrat und nahm 1937 den von Hitler gestifteten Nationalpreis an. Ab 1937 gingen als Gutachter im Reichsforschungsrat auch Anträge über seinen Tisch, die sich auf Menschenversuche in Konzentrationslagern bezogen. Von Versuchen an polnischen Frauen im KZ Ravensbrück erfuhr er auf Tagungen und schwieg. Er starb am 2. Juli 1951 in Berlin.
Der Moment
Am Dienstag, dem 8. Februar 1916, tagte die Deutsche Orthopädische Gesellschaft zu einer außerordentlichen Sitzung im Plenarsitzungssaal des Reichstagsgebäudes in Berlin. Der Vormittag, von 10 bis 13 Uhr, gehörte der Frage der Prothesen; der Krieg hatte eine ungeheure Zahl von Amputierten hinterlassen. Vor Sauerbruch sprachen andere Ärzte über Kunstbeine und Kunstarme; der Münchner Orthopäde Lange nannte den amerikanischen Carnes-Arm zu schwer, zu kompliziert und mit 1000 Mark zu teuer. Sauerbruch, damals Professor in Zürich, sprach über „Kinetische Armprothesen“. Sein Gedanke: Die Muskeln des Armstumpfs selbst sollen die künstliche Hand bewegen. Er stellte Soldaten vor, denen er aus den Muskeln Wülste geformt hatte, durch die ein mit Haut ausgekleideter Kanal führte; mit einem Elfenbeinstab darin hoben sie 30 bis 45 Kilogramm. Er zeigte auch eine Prothese, deren Finger diese Kraft bewegte. Chirurgisch sei das Problem gelöst, sagte er, das Modell der Kunsthand genüge seinen Anforderungen aber noch nicht. Das Bild zeigt ihn am Rednertisch, eine Hand zu den hölzernen Fingern des Arms auf seinem Gestell erhoben.
Die Kehrseite
„Chirurgisch gelöst“ war nur die eine Hälfte: Operiert waren die Männer schon, die Hand dazu fehlte noch. Im Zentralblatt hieß es, eine Handmaschine für die Muskelwülste sei „allerdings noch nicht gefunden“. Im April 1916 schrieb Sauerbruch im Vorwort seines Buches selbst, die Herstellung einer willkürlich bewegbaren künstlichen Hand sei „bisher an einer Reihe technischer Schwierigkeiten gescheitert“. Die Anregung verdankte er, wie er dort schrieb, Professor Stodola; die erste Prothese lieferte die Firma Windler. Später verbreitete sich der Arm unter Sauerbruchs Namen weit. Auch sonst nutzte er den Krieg: Als Professor in der neutralen Schweiz fuhr er an Wochenenden über die Grenze, um in deutschen Lazaretten zu operieren, mit Instrumenten aus Zürich, und löste damit einen Skandal aus.

Was die Quellen offenlassen: Wie der Plenarsaal 1916 aussah und welche Prothese Sauerbruch genau zeigte, ist in den geöffneten Berichten nicht beschrieben; Saal, Rednertisch und der Holzarm auf dem Gestell sind typisiert. Die zwei Tagungsberichte setzen andere Schwerpunkte, widersprechen sich aber nicht: Die DMW nennt eine gezeigte Prothese, deren Modell Sauerbruch selbst noch nicht genügte, das Zentralblatt eine noch fehlende Handmaschine. Der Wortlaut des Vortrags wurde nicht eingesehen. Die vorgestellten Soldaten fehlen im Bild mit Absicht.

Zum Weiterlesen

Quellen