Vier Zimmer

1914 · The Revolutionaries · Werk 920 von 1.871

A small office on an upper floor of a ministry building in a German city, a sunny day in mid-August, rich warm summer colours, pale cream walls, dark red-brown wooden furniture, a tall casement window open at the far end, a desk piled with letters and lists, at the desk with his back half to the camera a grey-haired man in a dark frock coat, an elderly clerk in black at a standing desk, two more men through an open side door, one in a light summer suit, one in shirtsleeves, and standing at the open window at the far end of the room, the window frame beside his left shoulder, both desks between him and the camera, the man, a living figure in the scene and the only person whose face is sharp, a bald man of forty-six with a moustache and short chin beard in a dark three-piece suit and high white collar, one hand on the window frame, his face turned toward the camera, through the window a large deep green maple shading a red tiled lower roof, below it a bright green sunlit lawn with two old cannons, a small sentry in field grey on a gravel path, and behind the garden trees against a clear blue August sky one tall red brick chimney.

Wer
Walther Rathenau (1867–1922) war Industrieller, Schriftsteller und Politiker, einer der ungewöhnlichsten Köpfe des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik. Geboren am 29. September 1867 in Berlin, war er der Sohn des jüdischen Unternehmers Emil Rathenau, der 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft gründete, aus der die AEG wurde. Er studierte Physik, Chemie und Philosophie, kam 1899 in den Vorstand der AEG und wurde 1912 Vorsitzender ihres Aufsichtsrats. Im Ersten Weltkrieg organisierte er als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung die Rohstoffversorgung der deutschen Kriegswirtschaft. Daneben schrieb er Bücher über Wirtschaft und Gesellschaft, 1917 etwa „Von kommenden Dingen“. 1921 wurde er Reichsminister für Wiederaufbau, 1922 Außenminister; am 16. April 1922 schloss er mit Sowjetrussland den Vertrag von Rapallo. Nationalisten beschimpften ihn als „Erfüllungspolitiker“, Antisemiten feindeten ihn als Juden an. Am 24. Juni 1922 erschossen ihn zwei junge Offiziere der rechtsradikalen „Organisation Consul“ auf der Fahrt ins Auswärtige Amt. Die Republik ehrte ihn danach als ihren Märtyrer, bis die Nationalsozialisten das Gedenken unterdrückten.
Der Moment
Am 8. August 1914, wenige Tage nach Kriegsbeginn, ließ sich Rathenau im preußischen Kriegsministerium melden: Das Land sei wohl nur für eine begrenzte Zahl von Monaten mit den unentbehrlichen Rohstoffen versorgt. Kriegsminister Erich von Falkenhayn trug ihm daraufhin die Organisation dieser Arbeit an, Bedenkzeit gab es nicht. Mit Erlass vom 13. August 1914 entstand die Kriegsrohstoffabteilung. Mitte August saßen dort in vier kleinen Zimmern des Ministeriums an der Leipziger Straße zunächst drei Männer: Rathenau, ein Oberst a. D. und ein Sekretär; bald kamen zwei Männer aus der AEG hinzu, nun waren es fünf. Die erste Frage lautete: Für wie viele Monate ist das Land mit den unentbehrlichen Stoffen versorgt? Statt einer Statistik, die sechs Monate gedauert hätte, ging eine Rundfrage an die 900 bis 1000 Lieferanten des Ministeriums. Den Blick aus seinem Fenster hat Rathenau selbst beschrieben: ein Ahorn über dem Dach, unten der Garten mit einer Wache, zwei alte Kanonen auf dem Rasen in der Sonne, dahinter ein hoher Schornstein, für ihn das Zeichen der deutschen Wirtschaft. Dort, am Fenster, steht er im Bild.
Die Kehrseite
Die Maschine fehlt im Zimmer, und genau das ist der Punkt: Hier zieht die Industrie in ein Ministerium ein. Ein Zivilist in einer Stellung vom Rang eines Generals erklärt die Wirtschaft eines Landes zur Kriegssache. Aus vier Zimmern wurden zwanzig, dann sechzig; bis 1918 wuchs die Abteilung auf 2.500 Mitarbeiter, beschlagnahmte Metall bei rund 5.000 Firmen und gründete etwa 200 Kriegsrohstoffgesellschaften. Der Kerngedanke stammte von Wichard von Moellendorff, die Durchsetzung von Rathenau. Im Zweiten Weltkrieg ließ sich Albert Speer von dieser Organisation anregen. Rathenau selbst trat schon Ende März 1915 zurück; der Historiker Lothar Gall nennt unter den Gründen Neid auf den Außenseiter und antisemitische Vorbehalte.

Was die Quellen offenlassen: Den Blick aus dem Fenster kennen wir nur aus Rathenaus Vortrag vom 20. Dezember 1915, sechzehn Monate später und in eigener Sache; einen genauen Tag nennt er nicht. Wie die Zimmer möbliert waren, in welchem Stockwerk sie lagen, was die Männer trugen und welche Kanonen im Garten standen, ist nicht überliefert. Raum, Möbel und Kleidung im Bild sind typisiert.

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Quellen