Der Tausend-Centner-Hammer

1877 · The Revolutionaries · Werk 640 von 1.871

Der Tausend-Centner-Hammer, 1877, The Revolutionaries

The forge hall of a great steelworks, morning of 2 September 1877, a tall brick hall under iron roof trusses, grey daylight from high windows and a skylight, an iron-plated earth floor, filling the right half of the frame a giant steam hammer, two massive cast-iron standards studded with rows of bolts, the steam cylinder above, the hammer head raised, beneath it on the anvil a white-glowing steel block held by chain hoists, four smiths in leather aprons at long iron tongs, from behind, beyond the block in the left half of the frame eight gentlemen in black frock coats, top hats and dark blue uniform tunics, in profile or from behind, faces in shadow, at the centre of this group, lit by the glow of the block, the man, a living figure in the scene and the only person whose face is sharp, a slightly stooped man of eighty with white side-whiskers and a bald crown, bare-headed, in a plain dark blue military tunic, his face turned toward the camera, the same distance from the camera as the men around him, at his right a taller gaunt man in a black frock coat, in profile, face in shadow, one hand raised toward the hammer.

Wer
Wilhelm I. (1797–1888) war König von Preußen und ab 1871 der erste Deutsche Kaiser. Als Sohn Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise wurde er zum Offizier erzogen und verstand sich lange vor allem als Soldat. 1848 und 1849 trat er für ein hartes Vorgehen gegen die Revolution ein und schlug den Aufstand in Baden und der Pfalz militärisch nieder; das brachte ihm den Schimpfnamen „Kartätschenprinz“ ein. Seit 1858 Regent, seit 1861 König, wollte er eine Heeresreform gegen das Parlament durchsetzen und berief dafür 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Nach den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich wurde er am 18. Januar 1871 in Versailles zum Kaiser ausgerufen, ein Titel, den er nur widerwillig annahm. Die Regierung überließ er weitgehend Bismarck. Der nutzte zwei Attentate auf den Kaiser 1878, um das Sozialistengesetz gegen Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung durchzusetzen. Zahlreiche Denkmäler, meist Reiterstandbilder, erinnern bis heute an ihn.
Der Moment
Am Sonntag, dem 2. September 1877, dem Jahrestag der Schlacht von Sedan, kam der achtzigjährige Kaiser früh am Morgen mit dem Zug auf den Bahnhof der Kruppschen Gussstahlfabrik in Essen. Alfred Krupp empfing ihn mit zwanzig Oberbeamten. Nach Kaffee und Gottesdienst begann um zehn Uhr der Rundgang. Der Deutsche Reichsanzeiger nennt die erste Station: „Zunächst wurde der große Tausend-Centner-Dampfhammer, der einen glühenden Stahlblock bearbeitete, besichtigt.“ Der Hammer hieß „Fritz“. Krupp hatte ihn selbst entworfen, seit 1861 lief er, damals der größte Schmiedehammer der Welt. Sein Fallgewicht wurde von 42.500 auf 50.000 Kilogramm erhöht, eben tausend Zentner. Danach sah der Kaiser die Kanonenwerkstatt und die Halle mit den ausgestellten Geschützen. Am Nachmittag standen 6.934 Kruppsche Arbeiter und gegen 25.000 Schulkinder an seinem Weg Spalier. Das Bild zeigt den Augenblick vor dem Schlag: Der Block glüht unter dem angehobenen Hammer, jenseits davon steht der Kaiser mit Krupp und den Herren.
Die Kehrseite
Der Kaiser kam am Sedantag in die Fabrik, deren Gussstahl in den Geschützen des Krieges von 1870/71 steckte. Ein Jahr später ging das Reich mit dem Sozialistengesetz gegen die Arbeiterbewegung vor. Als der Staat 1881 eine Antwort auf die Not der Fabrikarbeit ankündigte, die Kaiserliche Botschaft zur Unfall-, Kranken- und Altersversicherung, war der Kaiser nicht im Saal: Bismarck verlas sie, weil Wilhelm sich „wider Erwarten durch Unwohlsein verhindert“ sah. Der Mann, der vor dem Hammer gestanden hatte, fehlte, als der Staat die Versicherung der Arbeiter ankündigte.

Was die Quellen offenlassen: Was der Kaiser trug und wo er zum Hammer stand, sagt keine gelesene Quelle; eine Tuschzeichnung im Krupp-Album zeigt ihn mit Krupp am Hammer, sie wurde nicht eingesehen. Wie der Hammer 1877 aussah, ist nur aus einer Ansicht von 1911 bekannt; Halle und Farben im Bild sind typisiert. Die Anekdote von der Taschenuhr auf dem Amboss hat keinen Beleg. Das Gesicht folgt einer Fotografie von 1884.

Zum Weiterlesen

Quellen