1939 · Sealed Census Envelopes · Werk 706 von 1.871
The stairwell landing of a Berlin tenement house on a May evening in 1939, on the wooden window sill of the landing a census taker's brown leather document case lying opened flat, in it a growing stack of sealed plain unmarked envelopes of yellowish wood-pulp paper, a pencil lying on top, worn wooden stair treads, the lower wall coated in dark brown oil paint and bare pale plaster above, weak light from a single stairwell lamp with a milk glass shade, the census taker seen from behind in a grey civilian suit and felt hat at a flat door, taking one more sealed envelope from a hand in a plain knitted cardigan sleeve reaching out of the door gap.
Wofür es benutzt wurde
Die Ergänzungskarte war ein Zusatzblatt zur Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Deutschen Reich. Jeder Haushalt musste eine ausfüllen, auch die nichtjüdischen. Gefragt wurden Namen, Geburtsdaten und Geburtsorte, Adressen und Hochschulabschlüsse, und anders als 1933, wo nach der Religion gefragt worden war, nach jüdischer Abstammung im Sinne der Nürnberger Gesetze, also nach jüdischen Großeltern. Falsche Angaben waren mit erheblichen Strafen bedroht. Die Zähler nahmen die Karte im verschlossenen Umschlag zurück, und zugesichert wurden Verschwiegenheit und eine rein statistische Auswertung. Das amtliche Ergebnis wies 318.320 Personen jüdischer Abstammung aus. Karten mit einem bejahten jüdischen Großelternteil gingen im August 1942 an das Reichssippenamt.
Was daran neu war
Neu war die Frage selbst. 1933 hatte der Staat gefragt, was jemand glaubte. 1939 fragte er, wer die Großeltern waren. Damit ließ sich eine Zugehörigkeit auch dann feststellen, wenn der Betroffene sie nie gelebt hatte. Der verschlossene Umschlag und die Zusicherung rein statistischer Auswertung waren Teil desselben Vorgangs: Das Material kam anschließend an das Reichssippenamt, und die meisten Karten überstanden den Krieg wahrscheinlich in dessen Räumen in der Oranienburger Straße 28 in Berlin, einem beschlagnahmten Gebäude der jüdischen Gemeinde. Nicolai M. Zimmermann schreibt für das Bundesarchiv, eine Nutzung zur Vorbereitung der Deportationen sei nicht nachgewiesen und eher unwahrscheinlich, weil die Karten den Meldestellen erst 1941 und dem Reichssippenamt erst ab Januar 1942 vorlagen. Überliefert sind die Karten von etwa 130.000 Haushalten, nach Zimmermanns Rechnung 87,19 Prozent der erfassten Personen jüdischer Abstammung. Ab den späten 1940er Jahren nutzte die Jüdische Gemeinde Ost-Berlin dieses Material für Auskünfte.
Was die Quellen offenlassen: Zimmermanns Aufsatz für das Bundesarchiv trägt kein Erscheinungsjahr. Die Zahl der ausgegebenen Karten nennt er nicht, nur die überlieferten. Die Karten für Thüringen, die Rheinprovinz und weitere Bezirke fehlen. Teile wurden durch Luftangriffe zerstört, andere wahrscheinlich 1945 in Roßla im Harz vernichtet. Für das Reichssippenamt nennt Zimmermann einmal August 1942 als Übergabe, einmal ab Januar 1942.