Meine Herren!

1899 · The Revolutionaries · Werk 800 von 1.871

Meine Herren!, 1899, The Revolutionaries

A crowded political meeting, two hundred men filling every bench and standing shoulder to shoulder along the walls and at the back, the speaker a small woman standing upright behind the table at the front wall, the hall of a village inn at Bielschowitz in Upper Silesia, three in the afternoon, Sunday 31 December 1899, a low room, whitewashed walls, wooden floor, petroleum lamps hanging dark from the beams, a tiled stove in the far corner, tall windows along the left wall giving pale grey winter light and a view of snow-covered fields, the hall packed with some two hundred men on benches and standing at the sides and back, seen from behind in half shadow, most of them miners, some in dark Sunday jackets and bowler hats, others straight from the shift in coal- blackened work clothes and flat caps, faces and hands black with coal dust, at the front wall a plain committee table with a water jug, seated at its right end a moustached man in his thirties in a dark jacket, his face in shadow, and standing behind the middle of the table, small against the whitewashed wall, lit from the left by the windows, is the woman, a small woman of twenty-eight with dark hair pinned up, in a dark high-necked winter dress, her hands on the table edge, her face toward the hall and the camera as she begins to speak.

Wer
Rosa Luxemburg (1871–1919) war eine der bekanntesten Stimmen des Sozialismus in Europa. Sie stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Zamość im russisch beherrschten Polen, floh 1889 in die Schweiz und wurde 1897 in Zürich promoviert. Um Preußin zu werden, ging sie 1898 eine Scheinehe mit Gustav Lübeck ein und zog nach Berlin, wo sie zum linken Flügel der SPD gehörte. In „Sozialreform oder Revolution?“ (1900) stritt sie gegen die Reformer der eigenen Partei; ihr Hauptwerk „Die Akkumulation des Kapitals“ erschien 1913. Gegen den Ersten Weltkrieg trat sie offen auf und saß von 1915 bis November 1918 fast durchgehend in Haft. Danach arbeitete sie für den Spartakusbund und gründete die KPD mit. Sie wollte die Revolution, kritisierte aber Lenins zentralistische Partei und die Unterdrückung der Freiheit durch die Bolschewiki: „Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden“, notierte sie 1918. Am 15. Januar 1919 wurde sie in Berlin von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division verschleppt und ermordet, ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen. Eine politische Stiftung trägt heute ihren Namen.
Der Moment
Am Sonntag, dem 31. Dezember 1899, um 15 Uhr sprach Rosa Luxemburg in Bielschowitz bei Zabrze im oberschlesischen Kohlenrevier. Der Saal lag weit draußen „auf dem Acker“ und war trotzdem rappelvoll: etwas über 200 Zuhörer, die meisten Bergarbeiter. Der Gewerkschafter August Winter führte in die Versammlung ein. Luxemburgs Thema waren „Grundsätze und Bestrebungen des Sozialismus“; die Männer begrüßte sie mit „Meine Herren!“. Am Tag zuvor hatte sie den Kautskys geschrieben: „Die Bergleute kommen zum Teil direkt von der Arbeit, ganz schwarz von der Kohle.“ Die Kohle, die Oberschlesien zur Industrielandschaft gemacht hatte, saß ihren Zuhörern noch im Gesicht. Das Bild zeigt die 28-Jährige hinter dem Tisch an der Stirnwand, vor ihr die Männer der Schicht.
Die Kehrseite
Der volle Saal war nicht selbstverständlich. Im Wahlkampf vom Juni 1898 war hier, so Luxemburg selbst, die „Abhaltung öffentlicher Versammlungen“ unmöglich gewesen; Arbeitern wurde gekündigt, einige Flugblattverteiler wurden verhaftet. Bei der ersten Versammlung dieser Reise, am 26. Dezember 1899, genehmigte die Polizei keine Saalbeleuchtung, und sie musste bei Einbruch der Dunkelheit enden. Noch fand sich kaum ein Wirt, der seinen Saal hergab. Mehr als die Reden, schrieb sie, wirkten die Bierabende im kleinen Kreis, und: „ein polnisches Wort wirkt doch ganz anders als das fremde deutsche“.

Was die Quellen offenlassen: Name und Aussehen des Gasthauses sind nicht überliefert, der Saal im Bild ist typisiert. Ob am 31. Dezember Licht genehmigt war, ist unbekannt, darum hängen die Lampen dunkel. Was Luxemburg trug, ist nicht beschrieben, ebenso wenig, ob sie deutsch oder polnisch sprach. Die Briefzitate stammen aus einer Darstellung der Rosa-Luxemburg-Stiftung; die Originalbriefe wurden nicht eingesehen.

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Quellen